Zuschriften zu den Märchen-Interpretationen


„Märchen von Sumrad und Kimmat“:

 

Mir hat das Zuhören sehr viel Freude bereitet. Wiederholungen und die Einfachheit der Sprache verleihen dem Geschehen großen Nachdruck. Die Sprache ist sehr bildhaft. Ich mag das sehr. Je einfacher die Sprache gewählt ist, umso mehr bleiben Geschichten oder in diesem Fall das Märchen in Erinnerung, umso mehr innere Bilder erscheinen und umso mehr Reflexion ist möglich. Z. B. „Kimmat muss fort … Also, die Tochter, die faul ist, die mürrisch ist, die hässlich ist, muss fort“.

 

Eine Freundin fragte mich vor vielen Jahren einmal, was mein Motor für die Veränderungen in meinem Leben ist. Ich antwortete ihr, dass ich mir ein Leben wünsche, das meinem Wesen entspricht. Veränderungen sind nach meiner Erfahrung nur dann möglich, wenn man seinen Ängsten wirklich begegnet, ihnen gegenübersteht, sie fühlt und sie annimmt und sie auf diese Weise integriert in das eigene Leben und an ihnen wächst.

 

Wie so oft in Märchen, gibt es auch hier in diesem eine böse Stiefmutter. Und es gibt diese beiden Extreme, das Gute und das Böse. Eine Familie zwischen diesen beiden Extremen … in diesen beiden Extremen … mit diesen beiden Extremen. Und mit dieser so unterschiedlichen Gewichtung. Die Übermacht liegt hier bei der bösen Schwiegermutter. Das Zurückgezogene, das Duldende bei dem Mann. Keine Ausgewogenheit. Keine Mitte.

 

Auch in meinem Leben war es so: Meine Mutter lebte mir 100%igkeit vor. Wie eine Gouvernante, befehlend, ich sage dir, was du zu tun und zu lassen hast. Wenn du nicht tust, was ich sage, entziehe ich dir meine Liebe. Viel und langes Arbeiten, wenige bis gar keine Pausen. Wenn ich es mal machte, besonders dann, als ich selbst Mutter wurde und die Kinder geboren waren, gab es von ihr und auch von meinem damaligen Mann verbale Übergriffigkeiten, die mir ein sehr schlechtes Gewissen machten, wenn ich mich z. B. ausruhte, während die Kinder schliefen. Wieso ist das und das noch nicht fertig, was hast du den ganzen Tag gemacht, wie oft habe ich Derartiges gehört. Ich erinnere mich noch jetzt daran, wie ich mich in diesen Situationen gefühlt habe, obgleich es viele Jahre her ist. Es gab nur Wertschätzung, und das auch nur in Maßen, wenn ich „herumgewirbelt“ bin, sauber gemacht habe, mich um die Kinder gekümmert habe, in Bewegung und aktiv im Außen war. Also, wenn das Außen sauber war. Wie es im Innen aussah, war egal …

 

Sich erst dann etwas „gönnen dürfen“, wenn die Arbeit fertig ist. „Faul“ sein, also nichts tun, war damals absolut verpönt. Das durfte es nicht geben, sich einfach mal eben so hinsetzen und entspannen. Um Gottes Willens bloß nicht.

 

Und ja, ich war damals auch launisch, unwirsch und habe herumgemault. Ich weiß jetzt, dass ich schon damals in einer vollkommenen Überforderung war mit vielem, was es in meinem Leben zu diesem Zeitpunkt gab. Ich war unzufrieden und wusste nicht, warum das so ist. Es war mir nicht bewusst. Aber ich fühlte mich nicht gut damit, das weiß ich noch.

 

Und auch ich habe mich damals über das Verhalten anderer „beschwert“, habe Dinge nicht in Ordnung gefunden. Habe die Fehler z. B. auch bei meinem damaligen Mann gesucht. Jetzt weiß ich, dass er mir geholfen hat, tiefer in mich zu schauen. Auf seine Art hat er mir damals meine Sprachlosigkeit gespiegelt. Und ja, zum Glück bin ich meiner Intuition gefolgt und habe meinen eigenen Weg gefunden. Ich habe diesen Zustand verändert, habe mein Leben verändert.

 

Jetzt liebe ich es, „faul“ zu sein. Nichts zu tun. Ich liebe es, meiner Seele Raum zu geben, Bilder und Gedanken kommen zu lassen. Ich liebe es, meiner inneren Welt den Raum zu geben, den sie braucht und dieser, meiner inneren Welt Vertrauen zu schenken und sie leben zu lassen.

 

Jetzt liebe ich es, einfach in der der Natur zu sein, zu beobachten, zu schauen, Kindern zuzusehen bei ihrem Spiel, mich mit ihnen zu freuen, wie wunderbar es ist, so im Moment, im Augenblick zu leben, vieles dadurch über mich selbst zu lernen und so auch mein inneres Kind weiter zu nähren und zu heilen.

 

Kimmat verhält sich anders. Aber Mutter Natur verhält sich gleich zu ihr, genauso wie zu Sumrad. Mutter Natur steht für mich für eine Mutter, die ihre Kinder so lieben kann, wie sie sind. Mit allem, was sie ausmacht, mit allen sogenannten „Schwächen und Fehlern“.

 

Oder auch: Wie ich mit mir selbst umgehe, ob ich mich selbst wertschätze so wie ich bin, mit allem, was dazu gehört, mit allem, was mich ausmacht, mir selbst gegenüber wertschätzend und achtsam, aufrichtig, ehrlich und liebevoll bin.

 

Ich erkenne mich sehr gut in der Beschreibung von Sumrad – einem Mädchen, das sich nicht wehrt, wenn etwas Schlimmes passiert ist. Oder auch längst unhaltbare Zustände erduldet. Das auf sich allein gestellt sein – schlagartig und keine Strategie zu haben. Das Bild der Blumen, die auffangen, die die Schwere mildern, die helfen, in ein Traumland zu gehen, wenn auch nur für einige Zeit – wunderschön. Ein Paradies, in dem die Zeit angehalten wird, in dem das Leben hier nicht mehr ganz so schlimm war.

 

Ich war überrascht, dass das Märchen dort nicht sofort eine positive Wendung nahm. „… es ist ein unglaublich langer Weg – die Situation löst sich nicht so schnell auf. Es muss etwas geschehen, damit es wieder gut wird.“ Dieses: „Es muss etwas geschehen, damit es wieder gut wird.“ ist für mich in diesem Märchen der Aspekt, an dem Heilung geschieht. Heilung der erlittenen Demütigungen, Verleumdungen und Manipulationen durch die Stiefmutter. 

 

Mir wurde richtig warm ums Herz, als die Stelle erzählt wird, in der Sumrad bei der gütigen Alten eintrifft. Endlich, dachte ich, endlich geschieht ihr Gutes. Wie liebevoll sie von ihr empfangen und behütet wird. Wie sie versorgt wird. Es ist ein Geben und Nehmen. So fühlbar für mich. Ein nährendes Miteinander. Für beide Seiten. Für die Alte und für Sumrad. Ich wünsche mir auch so eine gütige Alte, bei der ich ein Stück Kindheit nachholen könnte. Es fühlt sich so warm und weich und behütet an, so beschützt.

 

Und die gütige Alte - sie ist gleichzeitig Mutter Erde, die immer für uns da ist, auch wenn einmal kein Mensch in der Nähe ist, an den wir uns anlehnen oder von dem wir in die Arme genommen werden können. Oder wenn wir es selbst für uns gerade nicht tun können. Ein Baum, aus dessen Liebe, Kraft und Weisheit wir schöpfen können, und Mutter Erde, sind immer für mich, sind immer für uns alle da. Sie halten uns.

 

Von Herzen Dank, liebe Frau Rölke, dass ich mit Hilfe dieses Märchens einen Teil meines bisherigen Lebens reflektieren konnte!

 

Anke

 


was ich bin

 

 

 

du bist der boden unter meinen füßen

 

du bist die wand, an die ich mich leh´n

 

 

 

du bist die tür, durch die ich gehe

 

und alle brücken kann ich seh´n

 

 

 

du bist das blatt, auf dem ich schreibe

 

das bett, auf dem ich liegen bleibe

 

 

 

du bist der regen, der mich kühlt

 

die sonne, die sich warm anfühlt

 

 

 

du bist für mich die kleine ecke

 

und manchmal bist du hundert verstecke

 

ich fühl mich wohl, ich wein und lach

 

lieb mich, auch wenn ich fehler mach

 

 

 

du bist der himmel über meiner seele

 

du bist der trost, wenn ich mich quäle

 

 

 

du bist die schranke, die sich schliesst

 

und die Blume die vor mir spriesst

 

 

 

du bist die rose, die kraftvoll sticht

 

die brille auch für eine freie sicht

 

 

 

du bist der igel, der stacheln ausfährt

 

die frau, die denkt, alles ist verkehrt

 

 

 

du bist für mich die kleine ecke

 

und manchmal bist du hundert verstecke

 

ich fühl mich wohl, ich wein und lach

 

du liebst mich, auch wenn ich fehler mach

 

 

 

fang bitte mich auf, wenn ich dich brauch

 

denn das DU bin ich selbst, das du bin ich auch!

 

 

 

Anja Heber

 

April 2020

 


Märchen "Suche nur, es gibt noch Dümmere":

 

Hallo Andrea Rölke,

vielen, vielen Dank für dieses wunderbare Märchen und die interessante Interpretation! Es ist wirklich toll, einmal die Möglichkeit zu bekommen, sich auf tieferer bzw. anderer Ebene mit der derzeitigen Situation und den Themen dahinter auseinandersetzen zu können als mit dem ständigen Wiederkäuen der Nachrichten.

 

Ich würde gern noch ein paar eigene Gedanken zu der Geschichte loswerden: Bei dieser Geschichte sprangen mich einige zwischenmenschliche Situationen und Konflikte regelrecht an, die, einmal abgesehen von der psychologischen Deutungsmöglichkeit und metaphorischen Bedeutung, doch auch in unserer Zeit tatsächlich ganz genau so stattfinden.

 

Da ist zum einen die überforderte junge Mutter. Es ist ja scheinbar ihr erstes Kind, und selbstverständlich hat sie selbst in einer ganz alltäglichen Situation im Angesicht einer möglichen (oder eventuell auch nur eingebildeten) Gefahr Angst, ihr Kind nicht schützen zu können. Diese Angst ist begleitet oder auch ausgelöst durch ein fundamentales Fehlen des Vertrauens in die eigene Handlungsfähigkeit: anstelle zu begreifen, dass sie in der Lage ist, selbst etwas zu tun, weint die Frau und wartet auf Hilfe. Diese Überforderung einer jungen Mutter, die sie in Unsicherheit erstarren lässt und handlungsunfähig macht, ist anscheinend schon in früheren Zeiten ein Thema gewesen und ist es definitiv immer noch, da machen die ganzen Ratgeber und Empfehlungen vielleicht sogar alles nur noch schlimmer. Was ich nicht ganz verstehe, ist, warum die Alten, besonders die Schwiegermutter, die ja selbst Mutter ist und Erfahrung mit Kindern haben muss, hier nicht besonnener reagieren. In Märchen sind es ja oft die Alten, die Großmütter und Hexen, von denen die ängstlichen jungen Frauen Ratschläge und Hilfe bekommen. Da Angst ja, wie Du beschreibst, oft von mangelnder Erfahrung im Umgang mit einer Situation ausgelöst wird, wird hier eine weitere Möglichkeit verschenkt, der Angst entgegenzutreten: in dem die Alten auf ihre Erfahrung zurückgreifen und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen.

 

Eine weitere Situation, die sicherlich viele "moderne" Menschen aus ihrem eigenen Leben kennen, ist die regelrecht klischeehafte Situation zwischen dem Ehemann und seiner jungen Frau: Sie weint, aus Angst, aus Überforderung, aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus, und er regiert mit Unverständnis, mit Abwehr, mit Abwertung. Diese Überforderung eines Ehemannes beim Anblick seiner ängstlichen, weinenden Frau, diese Überforderung von jungen Männern im Umgang mit Emotionen anderer Menschen im Allgemeinen, ist zugleich ein Klischee und eine höchst reale Situation. Ich bin immer wieder erstaunt, dass selbst in meiner Generation, die sich ja für sehr modern und befreit und tolerant hält, das antiquierte Klischee von "Männer haben keine Gefühle und wenn doch, reden sie nicht darüber" noch derartig hochgehalten wird. Ich will hier natürlich nicht alle jungen Männer über einen Kamm scheren oder ihnen generell mangelnde Empathie unterstellen, aber ich habe wirklich sehr oft Freundinnen Dinge sagen hören wie: "Wenn ich traurig bin, weiß mein Freund überhaupt nicht, was er tun soll." "Er nimmt meine Ängste gar nicht ernst." "Wenn ich ihn frage, wie er sich bei Thema XYZ fühlt, weigert er sich, etwas dazu zu sagen" etc. Ich glaube, junge Männer sind heutzutage tatsächlich unsicher im Umgang mit Gefühlsausbrüchen anderer Menschen, da ihnen immer noch beigebracht wird, Gefühlsäußerungen seien nur etwas für Frauen. Das geschieht sicher auf sehr viel subtilere Art als früher, doch anscheinend hat sich dieser Geschlechterstereotyp Frauen/Emotionen - Männer/Handeln ganz schön festgesetzt, und es ist verblüffend, aber irgendwie auch naheliegend, ihm plötzlich in einem Märchen gegenüberzustehen.

 

Dabei hat der junge Mann meiner Meinung nach selbst Angst, er merkt es nur nicht. Angst bedeutet oft auch Kontrollverlust. Nun kommt der junge Mann nach Hause und sieht sich plötzlich mit einer "außer Kontrolle geratenen" Familie konfrontiert. Es gelingt ihm zwar kurzfristig, die Situation zu entschärfen, doch bleibt ein mulmiges Gefühl zurück, "stimmt mit meiner Familie etwas nicht?" Diese Befürchtung, Teil einer dummen, einer irgendwie mangelhaften, vielleicht sogar "minderwertigen" Familie zu sein, nicht normal zu sein, wächst zu einer derartigen Angst heran, dass er davor flieht. Dem Kontrollverlust, des plötzlichen Ausbrechens von "Un-Normalität", dem außer Rand-und-Band-Geraten von Emotionen begegnet er mit Wut und Abwertung, nach dem Motto: "Was ich kleinreden kann, ist auch kein Problem!" Er fühlt sich seiner Familie überlegen, doch er ist es gar nicht, im Gegenteil, er hat ebenso wie seine Frau keine wirkliche Kontrolle über die Situation. Sich die Situation zu eigen machen könnte er, indem er mit seiner Familie spricht, ihnen alles erklärt, Empathie zeigt, kurz: sich den Emotionen anderer Menschen stellt. Indem er den Gefühlsausbruch kleinredet und die Gefühle in eine Ecke verweist, zeigt er seine eigene Überforderung, die er mit der von Dir genannten übermäßigen Tatkraft zu kompensieren versucht.

 

Ich denke, das ist ein Thema, was auch oft in der Politik vorkommt: Es heißt ja manchmal, dass in der Politik, in den Entscheidungen, die eine ganze Gesellschaft betreffen, Emotionen fehl am Platze sind. Rational und objektiv und bloß nicht ängstlich soll entschieden werden. Dabei wird vergessen, dass alle Menschen innerhalb dieser Gesellschaft ja Emotionen haben und dass folglich der Versuch, Emotionen bei Entscheidungen komplett auszuklammern, nicht nur absolut irrational und eigentlich unmöglich ist, sondern auch tendenziell unmenschlich. So rührt dieses Märchen eventuell auch ein bisschen an der Problematik, Emotionen ganz allgemein als weniger real und weniger berücksichtigungswürdig als Handlungen anzusehen.

Als letzten Punkt wollte ich noch den Fehler ansprechen, denn der törichte Mann macht, indem er den Fremden zum Propheten erhöht. Zum einen drängt sich mir hier der höchst aktuelle Vergleich mit den Virologen auf, die immer wieder betonen, dass sie zwar über deutlich mehr Verständnis für zelluläre Vorgänge verfügen als ein Normalbürger, allerdings absolut nicht voraussagen können, wann es denn einen Impfstoff geben wird. Immerhin geben sie ihr eigenes Unwissen zu, im Gegensatz zum Helden dieser Geschichte. Ich denke, das Verhalten des törichten Mannes soll daher eine Warnung sein, auch Leute, die mehr wissen als man selbst oder klüger sind, nicht zu überhöhen und ihnen nicht alles unkritisch zu glauben. Eigentlich sehr aktuell in unseren Zeiten, in denen im Internet viele selbsternannte Gurus ihre Wahrheiten verbreiten. Dazu fällt mir einer der besten Ratschläge ein, die ich in meinem Studium je erhalten habe: Hinterfragt alles, besonders das, was der Professor sagt!

 

Vielen Dank noch einmal für dieses tolle Thema!

 

Eine Workshop-Teilnehmerin