Über die Bedeutung und die Deutung von Träumen

 

Wozu sind Träume gut?

 

 

Wenn wir schlafen, dann träumen wir auch: Es ist nicht möglich, nicht zu träumen. Fünf bis sechs Träume entstehen jede Nacht, weiß die Hirnforschung. Jeder dieser Träume dauert selten länger als 30 Sekunden, auch wenn wir darin ganze Welten durchwandern, mit Drachen kämpfen oder mit den Vögeln durch die Luft gleiten.

 

Seitdem der US-amerikanische Schlafforscher Eugene Aserinsky etwa 1953 den REM-(Rapid Eye Movement-)Schlaf entdeckte – bei dem sich unsere Augen unter den geschlossenen Lidern in zügigem Hin-Und-Her bewegen und der restliche Körper im Schlaf in motorischer Starre verharrt – ist weiter geforscht worden. Mit Sicherheit wissen wir, dass wir in den nächtlichen REM-Phasen auch hauptsächlich träumen. Welche Funktion jedoch Träume haben und wie sie hirnphysiologisch ablaufen – damit tut sich die moderne Neurowissenschaft schwer.

 

Neben diesen Forschungen, die uns faszinierend farbige Bilder von Neurotransmittern, Nervenentladungen und vernetzten Zellsystemen ermöglichten, tut sich die tiefenpsychologisch orientierte Therapie weniger schwer mit den Träumen. Ihre Vertreter zweifelten nie daran, dass Träume eine Funktion haben. Auch Künstler und Denker beschäftigten sich schon immer mit Träumen. Goethe schmiedete Verse im Schlaf und notierte sie – in klassischer Weise – in der Nacht mit Stift und Zettel neben dem Bett. Mendelejew sah die Ordnung der Elemente zueinander im Traum und entwickelte daraus sein bis heute gültiges Periodensystem. Picasso wandte gezielt die „Schlüssel-Methode“ an (bei der man einen Schlüsselbund in der Hand hält, der mit Getöse herunterfällt, sobald man in den Kurzschlaf gefallen ist), um sich an die geträumten Bilder und Ideen erinnern zu können.

 

Meine Erfahrung ist: Träume sind wie Geschenke, die wir uns selbst über Nacht machen. Und wir wären dumm, wenn wir diese Geschenke am nächsten Morgen nicht auspacken und nachsehen würden, was darin ist.

 

Tja, wenn nur diese beunruhigenden Träume nicht wären ... Tatsächlich gibt es – laut Schlafforschung – mehr negative als positive Träume. 90 Prozent aller Träume sollen mit Angstgefühlen verbunden sind. Das mag wohl etwas zu viel sein, bestätigt aber die Tendenz. Also, lieber nicht beachten und vergessen?

 

Es kommt eben auf das „Auspacken“ an. Mit dem „Auspacken“ ist die Deutung oder das Erfassen des Sinns des betreffenden Traumes gemeint. Das Deuten der eigenen Träume ist nicht so schwierig, wie es auf den ersten Blick erscheint. Wir können es erlernen und wie bei allem werden wir feststellen, dass Übung den Meister macht. Menschen, die ihre Träume regelmäßig aufschreiben oder sogar malen, berichten von beglückenden Erlebnissen. Das Deuten von Träumen kann auch mit einer zweiten Person wie einem nahestehenden Menschen oder einem erfahrenen Therapeuten von großem Nutzen sein – wenn man etwas über sich selbst herausfinden möchte.

 

Denn die „Sprache“ der Träume ist eine bildnerische, szenische, wörtlich übertragene sowie symbolische. Ein Therapeut, der sich mit archetypischen Symbolen, Märchen und Mythen beschäftigt, wird einem Klienten oftmals die Angst nehmen können, wenn dieser von einem Absturz, einer fürchterlichen Begegnung oder gar dem Tod geträumt hat. Denn Träume sprechen in Gleichnissen und sollten deshalb immer „übersetzt“ werden. Und nirgendwo sind wir so einzigartig wie in unseren Träumen – und dennoch alle gleich mit unseren Befürchtungen, Sorgen, Wünschen, Erfolgen und Lebensaufgaben.

 

Oft wird gefragt, was der schattenhafte Fremde bedeutet, der regelmäßig in Träumen auftaucht. Oder warum wiederholt von derselben Person geträumt wird, auch wenn die Begegnungen lange zurückliegen. Warum dieses Tier, dieser Ort? Was bedeutet ein Kind im Traum, was ein Berg? – Auf diese Fragen kann in einem therapeutischen Gespräch eine Antwort gefunden werden.

 

Im alten Griechenland pilgerten die Menschen zu speziellen Tempeln, die dem Gott der Heilkunst Asklepios gewidmet waren und in denen Priester über Reinigungsrituale in einen zeremoniellen Schlaf führten und um einen heilenden Traum baten. So etwas gibt es heute nicht mehr, aber viele Menschen kennen Heilträume. Oft unterstützen Träume den therapeutischen Prozess und bringen ihn einen entscheidenden Schritt vorwärts. Trauminkubation als eine moderne Technik des Herbeiwünschens von heilenden Träumen kann – mit der richtigen Anleitung sowie einigem Üben – erstaunliche Selbsterkenntnisse zu Tage fördern und ist meiner Meinung nach dem luziden oder Klarträumen zu bevorzugen.

 

 

Quellen, die ich für meine Texte und Workshops genutzt habe:

 

·         - Verena Kast: Träume. Die geheimnisvolle Sprache des Unbewussten, Düsseldorf 2006

 

·        -  Vortrag: Wie entstehen Träume und was bedeuten sie? Vorlesung von Prof. Dr. Mathias Berger, Uniklinikum Freiburg: https://www.youtube.com/watch?v=CZc6I_iASeg

 

·         - Ernst Aeppli: Der Traum und seine Deutung. Mit 500 Traumsymbolen, München 2010

 

·         - Klausbernd Vollmar: Das Arbeitsbuch zur Traumdeutung. Traumarbeit als Richtlinie im Alltagsleben und zur persönlichen Entwicklung, Amsterdam 2002